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Aktuelles zum Thema Barrierefreies Webdesign.

20 Jul 2011

Richtet man sich nach der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (Bedingung 4.1), muss ein Wechsel der Sprache im Text für Screenreader ausgezeichnet werden. Die Sprachauszeichnung erhöht aber nicht immer die Barrierefreiheit. Häufig führt sie aus Sicht von Screenreader-Nutzern sogar dazu, dass Texte nicht richtig verstanden werden.

Hintergrund

Bei allen Webseiten sollte die verwendete Hauptsprache gekennzeichnet werden. Dies geschieht über das lang-Attribut im root-Element: <html lang="de">. Neben der verwendeten Hauptsprache können aber auch einzelne Bestandteile im Text als fremdsprachig gekennzeichnet werden.

Screenreader erzeugen Sprache, indem sie vorgefertigte Phoneme aneinander koppeln. Das allein würde aber einen Text nicht verständlich machen, neben den Phonemen haben die Screenreader Wörterbücher mit Ausspracheregeln. Da Phoneme und Ausspracheregeln in jeder Sprache ein wenig anders sind, klingen spanische, englische oder deutsche Sprachausgaben sehr unterschiedlich, auch wenn im Prinzip die gleiche Stimme eingesetzt wird. Es gibt sogar unterschiedliche Schemata für einzelne Regionen mit gleicher Sprache, die Sprachausgabe für Spanien klingt ein wenig anders als die lateinamerikanische Variante. Wenn in einem deutschen Text ein Begriff als Spanisch ausgezeichnet wurde, sollte er Spanisch ausgesprochen werden, damit auch Blinde ihn verstehen – soweit die Theorie.

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In den Wörterbüchern der Screenreader ist auch die Aussprache gängiger Fremdwörter festgelegt. Das Wort Detail wird nicht ausgesprochen, wie es geschrieben wird. Es klingt eher wie Detai, das L am Ende bleibt stumm. Der Screenreader kann das inzwischen richtig ohne Sprachauszeichnung aussprechen, ebenso wie Chance, Restaurant und viele andere Wörter. Solche Wörter müssten theoretisch als Fremdwörter mit anderer Aussprache ausgezeichnet werden. Faktisch würde das aber die Verständlichkeit verschlechtern, denn Wörter wie Computer oder Software werden im Englischen anders ausgesprochen und betont als im Deutschen.

Viele Screenreader-Nutzer stellen die automatische Spracherkennung ab, weil sie einige Webseiten ansonsten gar nicht benutzen könnten. Es kommt gar nicht so selten vor, dass die Sprache einer Webseite falsch festgelegt wurde oder dass bei Redaktionssystemen eine falsche Sprache eingestellt wurde. Die falsche Einstellung führt dazu, dass eine deutsche Webseite mit englischer Aussprache vorgelesen wird.

Das Problem besteht darin, dass die Einstellung für die automatische Spracherkennung gut versteckt ist und ungeübte Screenreader-Nutzer sie nicht finden werden. Damit wird die betroffene Webseite praktisch unbenutzbar, weil die wenigsten Blinden eine deutsche Seite verstehen werden, die mit englischer Betonung vorgelesen wird.

Außerdem ist die Sprachumstellung nicht gerade angenehm, wenn nur einzelne Wörter oder Zitate geändert werden. Obwohl die vorlesende Stimme immer die gleiche bleibt, ändern sich Stimmlage, Intonation, Betonung und Aussprache, was bestenfalls eine unangenehme Überraschung auslöst und einen schlimmstenfalls aus dem Lesefluss reißt. Das heißt, wenn die Sprachausgabe mitten im Satz auf amerikanisches Englisch, britisches Englisch oder kastilisches Spanisch umschaltet, dann macht der Zuhörer diese überraschende Änderung kognitiv wahrscheinlich gar nicht oder nur verzögert mit.

Das heißt, der eigentliche Zweck wird komplett verfehlt, der Mensch am anderen Ende der Leitung hat das Wort gar nicht verstanden, weil er eben das Spanisch der Muttersprachler nicht verstehen kann oder weil er die Umschaltung kognitiv nicht mitgemacht hat.

Hinzu kommt, dass viele Blinde ihre Sprachausgabe auf ein hohes Tempo eingestellt haben. Allerdings können sie oft nur ihre eigene Sprache in diesem Tempo verstehen, während sie für fremdsprachige Texte das Tempo niedriger schalten würden.

Eine Sprachauszeichnung für einzelne Wörter oder Phrasen kann daher mehr Barrieren auf- als abbauen. Für längere Zitate, wie sie in wissenschaftlichen Texten eingesetzt werden, kann eine Auszeichnung des Sprachwechsels hingegen sinnvoll sein. Unserer Erfahrung nach ziehen es Blinde aber vor, die Kontrolle über den Screenreader zu behalten und die Sprache wenn nötig selbst umzustellen.

Fazit

Wichtiger als die korrekte Aussprache ist die Verständlichkeit. Vermeiden Sie deshalb Anglizismen oder Fremdwörter, die von der Zielgruppe nicht verstanden werden. Wenn Sie dennoch Fremdwörter verwenden, bieten Sie eine verständliche Erklärung an. Im Gegensatz zu Sprachauszeichnungen, von denen nur Blinde profitieren, kommt der Verzicht auf Fremdwörter oder deren Erklärungen allen Nutzern zugute.

Kommentare zu dieser Meldung: 7

Permalink Andy Pillip meinte am 22.07.2011:

Gute Tipps im Fazit.

Aber sind bezüglich „aus dem Lesefluss reißen” nicht die Hersteller von Screenreadern gefordert?

Eine kleine Denkpause vor einem Sprachwechsel lässt sich doch ohne Schwierigkeiten umsetzen?

Permalink Fritz Weisshart meinte am 25.07.2011:

FULLAK

Permalink Peter meinte am 11.08.2011:

Kann man aus dem Artikel schließen, dass solche Überlegungen auch in die neue Konzeption für den BIENE Award einfließen?

Permalink Efa-Team meinte am 11.08.2011:

Wir orientieren uns bei den BIENE-Kriterien auch an der geltenden BITV, die unter anderem Sprachauszeichnung vorschreibt. Die Sprachauszeichnung wird auch weiterhin ein Kriterium bleiben, da sie in vielen Fällen sinnvoll und hilfreich sein kann.

Permalink Sprachlos meinte am 11.08.2011:

Dadurch ergibt sich für mich folgende wichtige Frage: Welche sprachlichen IT-Fachkenntnisse kann ich bei einem Screenreader voraussetzen?

Das er mit "browser" oder "e-mail" klar kommt ist anzunehmen - aber wie sieht es zB mit "Spyware" oder "Phishing" aus?

Andernfalls sieht das ja ziemlich hässlich aus (Sprachwechsel als "spw" gekennzeichnet):

"Eine (spw)Software(spw ende) die man als (spw)Spyware(spw ende) bezeichnet und (spw)browser-hijacking(spw ende) betreibt, ist bösartig"..

Permalink Sonja meinte am 07.04.2012:

Vielen Dank für diese Hinweise. Wir befassen uns zur Zeit intensiv mit dem Thema Barrierefreies Webdesign und ich freue mich über die umfassenden Infos auf der Einfach-für-Alle-Website. Das man auf Anglizismen am besten weitmöglichst verzichtet und das nicht nur zugunsten des Leseflusses von Screanreadern, diesem Fazit kann ich nur voll und ganz zustimmen. Wie heißt es doch so schön "Gute Kommunikation ist, wenn man verstanden wird." Und nicht, wenn man möglichst hochtrabend klingt. :-)

Permalink Peter meinte am 19.05.2012:

"Wichtiger als die korrekte Aussprache ist die Verständlichkeit."

und

"Wir orientieren uns bei den BIENE-Kriterien auch an der geltenden BITV, die unter anderem Sprachauszeichnung vorschreibt. Die Sprachauszeichnung wird auch weiterhin ein Kriterium bleiben, da sie in vielen Fällen sinnvoll und hilfreich sein kann.

Wenn ich das richtig deute, heißt das:

Ein zur BIENE eingereichtes Projekt ist dann besser, wenn es die BITV möglich lückenlos umsetzt. Auch dann, wenn die Verständlichkeit darunter leidet.

Da die Beurteilung, wann die Verständlichkeit leidet und wann nicht bzw. ob eine Sprachauszeichnung eher pragmatisch oder stur nach BITV erfolgte, ist den Testern überlassen - und somit wird jedes Prüfergebnis eine Befindlichkeitsfrage.

Siehe auch : Gedanken zur BIENE 2010, Teil 1 ff

@Sonja and all
Prinzipiell ist dem Artikel zuzustimmen. Sprachauszeichnung nach dem Gießkannenprinzip bringt nix. Andererseits gibt es Hinweise, dass einige Nutzer von Readern doch gern ihren Sprachwechsel haben wollen. Ein fast unlösbarer Konflikt.

Eine Beschränkung auf fremdsprachige Begriffe, die - nach deutschen Regeln ausgesprochen - entfremdet werden und so kaum den tatsächlichen Begrifff erkennen lassen, halte ich für angemessen. Möglicherweise ist die Auszeichnung des Begriffs beim erstmaligen Auftreten im Text eine Lösung.

Laut BITV wären solche Seiten aber nicht wirklich barrierefrei - siehe oben.

Ein krampfhaftes Vermeiden von Fremdworten halte ich nicht für sinnvoll. Viele Begriffe sind inzwischen "eingedeutscht", ob man das nun gut findet oder nicht. Deutsche Umschreibungen machen Inhalte nicht selten noch unverständlicher. Und letztlich hängt alles von der Hauptzielgruppe ab.
BTW: Auch ein Kriterium, welches weder durch die BITV, noch durch die BIENE-Anforderungen abgedeckt ist.