accessBlog

Aktuelles zum Thema Barrierefreies Webdesign.

08 Jul 2011

In den vergangenen Jahren gab es einiges an Bewegung im Markt für Computer-Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung. Besonders liess sich das bei den Screenreadern beobachten: wo bisher ein oder zwei führende Produkte den Markt dominierten, gibt es nun wesentlich mehr Auswahl, die auch professionellen Ansprüchen genügt. Noch vor einigen Jahren konnte man mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Screenreader JAWS 75% oder mehr des Marktes besetzte (mit, je nach Land, einem Zweitplatzierten wie zum Beispiel Cobra / Virgo / Blindows in Deutschland, SuperNova / HAL in Großbritannien oder Window-Eyes in den USA). Nun stehen den Nutzern wesentlich mehr Optionen zur Verfügung.

Das Erscheinen von kostengünstigen oder sogar freien Open-Source-Anwendungen wie NVDA oder SAToGo und Screenreadern, die gleich mit dem Betriebssystem installiert werden (wie VoiceOver unter Mac OS X & iOS oder Orca für Gnome) bedeutet für die Nutzer, dass nun mehr Menschen Zugang zu den Medien haben, die ihnen vorher aufgrund der hohen Kosten kommerzieller Hilfsmittel versperrt waren. Es bedeutet aber auch für Entwickler von Webangeboten, dass mit einer größeren Anzahl von Browser-/Hilfsmittel-Kombinationen getestet werden muss als nur mit dem sprichwörtlichen JAWS-Nutzer mit Internet Explorer und Windows XP.

Weiterlesen …

Das Problem bei der Erstellung einer Test-Matrix und der Priorisierung von Tests (und Reparaturen!) ist, dass Hilfsmittel-Hersteller traditionell nicht über Marktanteile und die Anzahl der ausgelieferten Produkte reden. Wir müssen uns hier also auf Beobachtungen, grobe Schätzungen, Hörensagen und Anekdoten verlassen.

Umfragen wie der WebAIM Screen Reader Survey von Ende 2010 unterstützen die Annahme einer Verschiebung im Markt. Die Befragung ergab, dass der Anteil von JAWS auf 59% gefallen ist (von über 75% vor zwei Jahren), VoiceOver und NVDA kletterten auf jeweils 10%. Ebenfalls interessant ist die Erkenntnis, dass 80% der Nutzer ihr Hilfsmittel innerhalb eines Jahres auf eine neuere Version aktualisiert hatten und dass 98,4% aller Nutzer JavaScript aktiviert haben.

Internet Explorer dominiert weiterhin mit 63,5%, allerdings waren dies noch vor einigen Jahren nahezu 100%. Nach wie vor ist der Marktanteil unter Menschen mit Behinderung jedoch signifikant höher als in der allgemeinen Nutzerschaft. Firefox wird mittlerweile zu 23,5% zusammen mit Hilfsmitteln benutzt, Safari kommt auf 9,6%.

Hilfsmittel am Arbeitsplatz

Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass die teureren kommerziellen Produkte vorzugsweise am Arbeitsplatz genutzt werden, was folgende Testszenarien ergibt:

JAWS v.12 – www.freedomscientific.com
  • Internet Explorer (beste Unterstützung, obwohl moderne Techniken wie WAI-ARIA wesentlich von der Implementierung in anderen Browsern wie Firefox abweichen. Zudem können dynamische Änderungen des Inhaltes je nach Art der Umsetzung immer noch zu Problemen in der Nutzbarkeit mit Hilfsmitteln führen)
  • Firefox (nahezu auf Augenhöhe mit IE, mit teils besserer Unterstützungen für AJAX und ARIA)
  • Google Chrome (befriedigende Unterstützung mit aktuellen Versionen wie Chrome 12)
  • Opera (keine Unterstützung)
SuperNova (früher Hal) v.12 – www.yourdolphin.com
  • IE (Unterstützung vergleichbar mit JAWS, allerdings versteht SuperNova noch keinen WAI-ARIA-Markup)
  • Firefox (solide Unterstützung, ebenfalls kein WAI-ARIA)
  • Chrome (Unterstützung unbekannt)
Window-Eyes v.7.5 – www.gwmicro.com
  • Marktanteile & Verbreitung unbekannt
ZoomText v.9.1 – www.aisquared.com
  • IE (vollständige Unterstützung)
  • Firefox (vollständige Unterstützung)
  • Chrome (wird laut Hersteller Ai Squared nicht unterstützt)
Dragon v.11.5 – www.nuance.com
  • IE (vollständige Unterstützung)
  • Firefox (vollständige Unterstützung)
  • Chrome (wird laut Google nicht unterstützt)

Hilfsmittel im privaten Bereich

Die Tatsache dass eine Kombination aus Screenreader & Braillezeile gerne mit 5.000 € zu Buche schlägt lässt die Vermutung zu, dass Nutzer im privaten Bereich eher zu kostengünstigen oder freien Lösungen greifen. Daraus ergeben sich die folgenden Testszenarien:

Apple VoiceOver (Bestandteil von Mac OS X für Desktop- und iOS für Mobilgeräte) – www.apple.com
  • Safari (gute Unterstützung, innovativ in einigen Bereichen, in anderen mit deutlichen Lücken)
  • Chrome (teilweise Unterstützung, besonders bei Formularen »buggy«, wird allerdings häufig aktualisiert)
  • Firefox (leider keine Unterstützung)
NVDA (Windows) – www.nvda-project.org
  • Firefox (vollständige Unterstützung)
  • Google Chrome (befriedigende Unterstützung mit aktuellen Versionen wie Chrome 12)
  • Internet Explorer? (hervorragende Unterstützung der UI Automation API unter Windows 7, obwohl man argumentieren könnte, dass Nutzer, die einen OpenSource-Screenreader benutzen eher nicht den IE verwenden und stattdessen auf einen OpenSource-Browser setzen)
Orca (Linux/Gnome) live.gnome.org/Orca
  • Firefox (vollständige Unterstützung unter Linux)
Serotek System Access To Go (SAToGo) www.serotek.com
  • Web-basiert, Marktanteil & Nutzung unbekannt

Die Ebene der Browser

Schaut man sich nun die Browser-Statistiken von Diensten wie StatCounter an, so sieht man den selben Trend in der allgemeinen Nutzerschaft wie bei den Nutzern von Hilfsmitteln: die Anteile von IE fallen, alternative Browser wie Firefox, Chrome & Safari steigen. Sogar relativ aktuelle Versionen von IE verlieren Anteile (IE8 zurzeit runter auf 28% von 38% im Januar 2011). Wenn wir die verschiedenen Browser- bzw. Rendering-Engine-Kombinationen zusammenfassen, bekommen wir 47% für alle IE zusammengenommen, Firefox ist relativ stabil bei 22% und Safari bei 9% (Werte gerundet). Den stärksten Anstieg verzeichnet Google Chrome, der sich von 7% im Januar 2010 auf 21% im Juni 2011 hochgearbeitet hat.

Die Statistik hier bei ›Einfach für Alle‹ ergibt folgendes Bild:

Firefox 3 Firefox 4 IE 8 Safari 5 IE 7 Opera 11 Chrome 10 IE 9 IE 6 Chrome 11 Andere
42,66% 15,26% 13,17% 6,68% 4,12% 2,52% 1,60% 1,27% 1,09% 0,98% 11,62%

Hilfsmittel-Schluckauf

Man kann aus den Testergebnissen mit einer bestimmten Browser-/Hilfsmittel-Kombination leider nicht ableiten, dass der getestete Code genauso funktioniert, wenn man ihn mit dem gleichen Hilfsmittel und einem anderen Browser oder mit dem gleichen Browser, aber unterschiedlichem Hilfsmittel benutzt. Ein Beispiel soll das illustrieren:

Nach der HTML-Spezifikation kann man einem Formular-Element mehrere Label per <label for="#ID"> zuweisen – ein Feature das zum Beispiel bei Fehlermeldungen oder erläuternden Texten in einem komplexen Formular durchaus sinnvoll sein kann. Das Verhalten solcher mehrfachen Labels ist in den gängigen Desktop-Browsern wie erwartet: alle Labels sind klickbar und steuern bzw. fokussieren die zugeordneten Formularelemente. Allerdings geben sämtliche uns bekannten Screenreader immer nur ein Label aus: je nachdem welche Browser-/Hilfsmittel-Kombination benutzt wird ist dies entweder das erste oder das letzte Label, da es weitgehend abhängig von Browser ist, welche Information an das Hilfsmittel durchgereicht wird. Dies kann zum Verlust von Informationen oder mangelnder Funktionalität führen, wenn ein Formular nicht in allen relevanten Kombinationen durchgetestet wurde.

Unterschiede bestehen sogar innerhalb einer Familie von Rendering Engines, wie ein anderes Beispiel belegt: Sowohl Apple Safari als auch Google Chrome basieren beide auf der Webkit-Rendering-Engine. Ein einfacher Test mit dem neuen Outline-Algorithmus von HTML5 zeigt, dass Überschriften-Ebenen unterschiedlich interpretiert werden (in diesem Fall macht Chrome es richtig; Safari macht es falsch und zeigt die inneren, verschachtelten H1 in der gleichen Größe wie die äußeren H1).

Auch der umgekehrte Fall ist möglich: Google hat dem Vernehmen nach einige Accessibility-Features aus Webkit wieder ausgebaut, die in Safari reibungslos funktionierten.

Schlussfolgerung

Alleine die Anzahl der Nutzer alternativer Kombinationen sollte bereits umfassendere Tests als nur mit einem Browser rechtfertigen. Nimmt man dann noch die Tatsache hinzu, dass die Ausgabe von Browser zu Browser erheblich abweicht (selbst wenn man identische Screenreader benutzt), dann bekommt man sehr schnell eine relativ umfassende Matrix von Testdurchläufen. Ein minimaler Satz sollte also die folgenden Kombinationen beinhalten:

JAWS (aktuelle Version & aktuelle Version minus 1)
  • IE/Win 7/8/9 (v.10 ist kurz vor fertig) – diese Kombination sollte ca. ⅔ aller use cases im Bereich blinder Nutzer abdecken
  • Firefox,l,l/Win (aktuelle Version & aktuelle Version minus 1)
  • Chrome/Win (jeweils die aktuelle Version, ältere Versionen unnötig wegen automatischen Updates)
ZoomText (aktuelle Version & aktuelle Version minus 1)
  • IE/Win 7/8/9
  • Firefox/Win (aktuelle Version & aktuelle Version minus 1)
Dragon (aktuelle Version & aktuelle Version minus 1)
  • IE/Win
  • Firefox/Win (aktuelle Version & aktuelle Version minus 1)
NVDA (jeweils die aktuelle Version)
  • Firefox (aktuelle Version & aktuelle Version minus 1)
  • Chrome (aktuelle Version, ältere Versionen unnötig wegen automatischen Updates)
VoiceOver (jeweils die aktuelle Version)
  • Safari (aktuelle Version unter Mac OS X & iOS)

Kommentare zu dieser Meldung: 1

Permalink David Maciejewski meinte am 11.07.2011:

Die kommende Safari-Version 5.1 (kommt mit OS X Lion diesen Monat) stellt deinen HTML5-Outline-Test korrekt dar.