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Aktuelles zum Thema Barrierefreies Webdesign.

12 Mai 2010

Wie klingt eigentlich eine Website? Das ist eine Frage, die vor allem Blinde beantworten können. Blinde und Sehgeschädigte gehören zu den intensivsten Nutzern des Internet. Wie sie das Netz nutzen, erfahren Sie in dieser dreiteiligen Artikelserie.

Am Beispiel von Texten wollen wir zunächst zeigen, wie Blinde eine optische Oberfläche für sich zugänglich machen. Im zweiten Teil wird es um die Nutzung multimedialer Angebote gehen. Wie Blinde selbst Inhalte im Web bereit stellen, erfahren die Leser im dritten Teil.

Die graphische Benutzeroberfläche und der Screenreader

Um einen Computer nutzen zu können, verwenden Blinde einen Screenreader. Dieses Programm gibt visuelle Inhalte wie Menüs oder Texte als Sprache oder als Blindenschrift auf einem Braille-Display aus. Die Steuerung erfolgt vollständig über die Tastatur. Die Zugänglichkeit der Programme ist sehr unterschiedlich, manche Programme lassen sich sehr gut über Tastatur und Screenreader bedienen, andere gar nicht.

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Das Internet gehört zu den wichtigsten Bereichen der Computernutzung und ist über Screenreader generell gut zu erreichen. Der Screenreader orientiert sich nicht am optischen Erscheinungsbild, sondern an der Struktur einer Website. Elemente, die für den sehenden Nutzer parallel erscheinen, sind für den Nutzer von Screenreadern linear angeordnet.

Während der Sehende mit einem Blick wichtige Elemente wie die Navigation und Text von Schmuckelementen wie Bannern oder Werbung unterscheiden kann, gilt es für den Blinden, zunächst alle Elemente der Website einmal zu erfassen, um sich auf der Website zurecht finden zu können. Der Inhalt von Bildern, Graphiken und Animationen bleibt für Blinde unsichtbar.

Texte und Foren

Normale Fließtexte stellen in der Regel kein Problem dar. Die kleine Anwendung RSS hat dabei zu einer wesentlichen Verbesserung geführt. Die Feeds erlauben das bequeme Lesen der Artikel, ohne die jeweiligen Seiten durchnavigieren zu müssen. Schwieriger sieht es bei komplexen Angeboten aus, wir wollen das hier am Beispiel von Foren deutlich machen.

Die klassischen Foren basieren auf der sogenannten Baumstruktur. Die Baumstruktur erlaubt das Erkennen von Diskussionssträngen. Der Nutzer sieht auf den ersten Blick, wer auf wen geantwortet hat. Für den Blinden ist das allerdings nicht erkennbar. Ebenfalls problematisch ist, dass Beiträge nur einzeln angezeigt werden. Der Screenreader muss bei jedem Aufruf die Seite neu einlesen und beginnt am Anfang der Seite. Der Blinde muss bei jedem Seitenaufruf nach dem Anfang des Beitrags suchen, ohne zu wissen, ob tatsächlich etwas lesenswertes in dem Beitrag steht. Manche Diskussionsfäden ziehen sich über Dutzende von Beiträgen, so dass selbst Normal-Sehende hier nicht alle Beiträge lesen würden.

Günstiger sind die Newsboards, wo die Antworten untereinander angeordnet werden, hier ist zumeist auch für den Sehenden nicht erkennbar, wer auf wen geantwortet hat. Das Projekt selfHTML hat das in seinem Forum elegant gelöst: Oben auf der Website wird der Forenbaum angezeigt, darunter werden alle Beiträge untereinander eingeblendet.

E-Mails als Austauschmedium

Viele Blinde bevorzugen für Austausch und Diskussionen E-Mails. Auf der Plattform Blindzeln gibt es über 70 Mailinglisten zu so verschiedenen Themen wie Kochen, Lesen oder Blindenhunden.

Das Mailprogramm bietet ein einheitliches Erscheinungsbild und hat viele Funktionen, die Foren und Newsboards entweder gar nicht bieten oder die für Blinde nur schwer oder gar nicht zugänglich sind:

  • die Absender sind leicht erkennbar
  • die Nachrichten lassen sich einfach nach Absender, Datum oder Thema sortieren
  • die Diskussionsstränge lassen sich anhand der Betreffzeile erkennen

Der größte Vorteil besteht darin, dass alle Funktionen des Mailprogramms per Tastatur zugänglich sind.

Der Nachteil dieser Mailinglisten ist allerdings ebenso offensichtlich: Obwohl auch Menschen ohne Sehschädigung bei Blindzeln willkommen sind, bevorzugen die meisten Sehenden für sie attraktivere Austauschmedien. Was für den Blinden übersichtlich und einfach ist, wirkt auf den Sehenden unübersichtlich und textlastig.

Die Kommunikation verlagert sich zunehmend von E-Mails hin zu Statusmeldungen über Twitter oder zum Nachrichtenaustausch innerhalb der sozialen Netzwerke.

Zudem entgehen den Blinden wichtige Informationen und Hilfsmöglichkeiten, wenn sie gezielt Foren ausweichen. Foren werden gern zur Selbsthilfe genutzt und oftmals sind die hier gegebenen Antworten hilfreicher als die Hilfeseiten professioneller Anbieter.

Komplexe Anwendungen und Interaktion

Komplexe Websites erfordern einen hohen Lernaufwand des blinden Nutzers und sind daher oft nicht attraktiv. Schwierig sind zum Beispiel Shopping-Angebote und Online-Auktionen. Grundlegende Informationen wie Preise, Artikelbeschreibung oder allgemeine Geschäftsbedingungen sind zumeist noch erschließbar. Schwierig ist vor allem die Interaktion mit der Website, wenn es um die Eingabe von Daten und die Zahlungsmodalitäten geht. Die Shop-Betreiber setzen zumeist auf Technologien, die vom Screenreader nicht unterstützt werden, die nicht mit der Tastatur bedienbar sind und deren Rückmeldungen oft nicht verständlich sind.

Die Folgen können hier sehr schwerwiegend sein, wenn etwa aus Versehen falsche Artikel bestellt werden. Deswegen bleiben viele Blinde lieber bei den Webseiten, die sie gut genug kennen, um sie bedienen und überschauen zu können.

Screenreader testen

Mittlerweile hat jeder die Möglichkeit, selbst mit Screenreadern zu experimentieren: Unter Windows gibt es die freien Screenreader NVDA und Thunder, die Linux-Distributionen Ubuntu und Knoppix haben von Haus aus die Screenreader Orca und ADRIANE an Bord. Die Apple-Betriebsysteme werden mit dem Screenreader VoiceOver ausgeliefert. Die professionelle Nutzung eines Screenreaders erfordert allerdings viel Erfahrung und Übung.

Kommentare zu dieser Meldung: 5

Permalink Wolf meinte am 14.05.2010:

Karl Knopper hat für seine blinde Frau eine frei verfügbare Software geschrieben.
http://www.knopper.net/knoppix-adriane/
Damit konnte Frau Knopper etwa ein Drittel schneller bei ebay navigieren, als Sehende es mit dem normalen Browser schaffen. Die Software ist Open Source und korrespondiert mit der Braille- Zeile.

Permalink Arno.Nyhm meinte am 14.05.2010:

schön wäre es, wenn es einen online screenreader gäbe, so dass man nur noch die url eingeben braucht und man die seite testen kann

Permalink Turtle meinte am 15.05.2010:

Herr Knopper heisst zwar Klaus und nicht Karl, der Rest stimmt allerdings.
Da Knoppix (wie auch Ubuntu) auf Debian basiert, sollte es auch grundsaetzlich keine Probleme geben auf anderen Debianderivaten und Debian selbst Adriane zu installieren. Ansonsten stehen in den Repositories von Knoppix auch die Quellen zur Verfuegung.
http://debian-knoppix.alioth.debian.org/
Es existiert auch eine Mailingliste

Permalink Der Caspers meinte am 15.05.2010:

@Arno.Nyhm: versuch' mal die Fangs-Erweiterung für Firefox: https://addons.mozilla.org/en-US/firefox/addon/402/

Permalink Sylvia Egger meinte am 18.05.2010:

@Arno.Nyhm

Webanywhere käme da auch in Frage, ist aber nur auf den englischsprachigen Bereich beschränkt, zum kurzen Testen auch für unterwegs aber nicht schlecht: http://webanywhere.cs.washington.edu/wa.php